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30.000 Tatverdächtige nach Ermittlungen zu Pädophilen-Netzwerk



Im sogenannte Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach hatten die ersten Ermittlungen zu einem deutschlandweiten Kinderpornografie-Tauschring bereits im Oktober 2019 begonnen. Seither sind nicht nur 72 Beteiligte identifiziert worden, von denen sich manche sogar die eigenen Kinder gegenseitig zum sexuellen Missbrauch zugeführt haben sollen. Die Ermittler haben mittlerweile auch die gigantische Dimension des Netzwerks offengelegt. So gibt es Spuren zu nicht weniger als 30.000 Verdächtigen im deutschsprachigen Raum, die sich vor allem über Gruppenchats mit mehreren tausend Nutzern ausgetauscht haben.

Laut Peter Biesenbach, dem Justizminister des deutschen Bundeslandes Nordrhein-Westfalen, geht es auch bei diesen Fällen nicht nur um die Verbreitung und den Besitz von Kinderpornografie, sondern auch ganz konkret um schweren Kindesmissbrauch. Biesenbach zufolge  gingen die Täter in den Messengerdiensten wie selbstverständlich mit ihren Missbrauchstaten um, heizten sich an und gaben sich Tipps, etwa, welche Beruhigungsmittel man Kindern am besten verabreiche, um sie sexuell zu misshandeln. “Wer zögert, wird von den anderen ermutigt und bedrängt, seine Absichten in die Tat umzusetzen”, berichtete Biesenbach. In diesen Chats würden auch Verabredungen zum Missbrauch mehrerer Täter an einem Kind getroffen.

“Mir wurde speiübel

Es handle sich um eine “neue Dimension des Tatgeschehens”, sagte der Justizminister. Ihm sei “speiübel geworden”. “Wir müssen erkennen, dass Kindesmissbrauch im Netz weiter verbreitet ist, als wir bisher angenommen haben.” Die Selbstverständlichkeit der Kommunikation über die Taten sei “in höchstem Maße irritierend” und “zutiefst verstörend”, so der Justizminister. Es sei zu befürchten, dass in einer solchen Atmosphäre die Hemmschwellen sinken und auch solche Männer Missbrauchstaten begingen, die ohne entsprechendes Umfeld davor zurückgeschreckt wären.

Eine eigene “Task Force” von Cyber-Ermittlern soll nun am Mittwoch die Arbeit aufnehmen. Sechs Staatsanwälte würden sich dann unter großem Zeitdruck zuerst um die Fälle bemühen, bei denen davon auszugehen ist, dass der Missbrauch von Kindern fortgesetzt werde.

Biesenbach kritisierte, dass es noch immer keine Pflicht zur Speicherung und Herausgabe der Verbindungsdaten gebe. Ob es in allen Fällen gelinge, hinter den Pseudonymen, mit denen die Kriminellen kommunizieren, die tatsächlichen Namen zu ermitteln, sei daher unklar, sagte Oberstaatsanwalt Markus Hartmann, Leiter der Cybercrime-Zentralstelle in Nordrhein-Westfalen.

Bis zu 350 Ermittler beschäftigt

Von den 72 identifizierten Verdächtige waren zuletzt zehn in U-Haft. Sieben Anklagen gegen acht Personen sind bereits erhoben worden. Der Komplex hatte noch im Juni täglich 120 bis 140 Ermittler beschäftigt. In der Spitze waren es sogar 350 Mitarbeiter, von den viele primär für die  Sichtung und Auswertung der riesigen Datenmengen abgestellt waren.

Die Arbeit in der seit Herbst 2019 bestehenden Ermittlungsgruppe “Berg” sei psychisch sehr belastend, hatte der Kölner Kriminaldirektor Michael Esser vor kurzem berichtet. Drei Ermittler seien dauerhaft krank geworden. Andere hätten nach psychologischer Betreuung den Dienst wieder aufnehmen können.

Insbesondere die Sichtung des Videomaterials bringe jeden Ermittler an die Grenze seiner Belastbarkeit. Die “Besondere Aufbauorganisation Berg” hat bisher 44 Kinder identifiziert und aus den Fängen der Täter befreit. Darunter war auch ein drei Monate altes Baby.



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