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Corona-Infektionen mit Blutverdünnern bekämpfen


Untersuchungen bei überlebenden und verstorbenen Patienten zeigen, dass das neue Coronavirus oft Gefässentzündungen in vielen Organen verursacht. Das eröffnet Möglichkeiten für die Therapie.

Auch wenn respiratorische Erreger wie das neue Coronavirus primär den Atemtrakt befallen: Die Probleme von Covid-19 manifestieren sich auch ausserhalb der Lunge.

Auch wenn respiratorische Erreger wie das neue Coronavirus primär den Atemtrakt befallen: Die Probleme von Covid-19 manifestieren sich auch ausserhalb der Lunge.

Annick Ramp / NZZ

Covid-19, die von dem neuen Coronavirus Sars-CoV-2 ausgelöste Erkrankung, ist nicht nur ein Problem der Lungen. Je mehr Patienten genauer untersucht und je mehr Autopsien von Covid-19-Toten durchgeführt werden, desto klarer wird: Das Virus greift direkt Blutgefässe an und verstärkt die Blutgerinnung. In der Folge bilden sich in den Gefässen von Organen wie Niere, Leber, Lunge oder Darm kleine Blutgerinnsel. Diese führen zum Absterben von Teilen der betroffenen Organe. «Daher wird ein Drittel aller Covid-19-Patienten auf der Intensivstation für einige Zeit dialysepflichtig», erklärt Clemens Wendtner, der seit Monaten an der München-Klinik Schwabing Covid-19-Patienten betreut. In manchen Fällen komme es zu einem Multiorganversagen. 

Todesursache Lungenembolie

Wenn sich die Gerinnsel lösen, werden sie mit dem Blutstrom in die Lunge geschwemmt und verstopfen dort die Gefässe. Es kommt zu einer unter Umständen tödlichen Lungenembolie. Diese sei in vielen Fällen die wahre, aber oft unerkannte Todesursache bei Covid-19, meint Nils Kucher, Angiologe am Universitätsspital Zürich. Verschiedene Autopsiestudien aus Zürich, Basel oder Hamburg bestätigen seine Einschätzung. Denn bis zu zwei Drittel aller Covid-19-Toten weisen Mikrothromben, Entzündungen von Gefässen in diversen Organen, Lungenembolien und andere Anzeichen für Gerinnungsstörungen auf.

«Wir haben bei Covid-19-Toten ganz andere pathologische Befunde als zum Beispiel bei Influenzaopfern», erläutert Alexandar Tzankov, Pathologe am Universitätsspital Basel. «Covid-19-Patienten sterben zwar oft an respiratorischem Versagen, aber ich bin mittlerweile überzeugt, das liegt in vielen Fällen nicht an unzureichend funktionierenden Lungenbläschen, sondern an verstopften kleinen Blutgefässen in der Lunge.»

Zwar erhöhen auch andere Viruserkrankungen wie auch eine längere Bettlägerigkeit oder die Antibabypille das Risiko für eine Thrombose. Aber Sars-CoV-2 tut dies laut Experten in einem unerwartet hohen Ausmass und flächendeckend im Körper. Denn das Virus befalle direkt Endothelzellen, das kenne man so nicht von anderen Viren, sagt Kucher.

Endothelzellen zu infizieren, gelingt Sars-CoV-2, weil die Zellen ebenso wie Schleimhaut- oder Lungenzellen ACE2-Proteine auf ihrer Oberfläche tragen. Diese Eiweisse nutzt das neue Coronavirus als Eintrittspforte. Endothelzellen kleiden die Gefässwände aus. Sobald also das Virus im Verlauf der Infektion in Lungenzellen und von dort ins Blut gelangt, wird es im ganzen Körper verteilt. Somit kann Sars-CoV-2 überall direkt Endothelzellen befallen. Diese gehen zugrunde, und es entwickelt sich eine Entzündung der Gefässwände. Das alles bringt dann die fein ausbalancierte Blutgerinnungskaskade, die auch von Molekülen aus Endothelzellen mitgesteuert wird, aus dem Gleichgewicht. Lokale Blutgerinnsel sind die Folge.

Blutgerinnungsstörungen auch bei jungen Patienten

Die Ärzte vermuten, dass viele der schweren Covid-19-Verläufe bei jungen, sportlichen und völlig gesund erscheinenden Menschen auf durch Sars-CoV-2 ausgelöste Blutgerinnungsstörungen und/oder Gefässentzündungen zurückzuführen sind. Möglicherweise weisen einige dieser Betroffenen genetisch bedingt eine erhöhte Blutgerinnung auf. Das muss aber noch abgeklärt werden. Solche Mutationen, wie beispielsweise jene für das sogenannte Faktor-V-Leiden, werden oftmals nicht entdeckt, da sie im normalen Leben keine negativen Auswirkungen für die Betroffenen haben. 

Dass die genetische Ausstattung eine wichtige Rolle beim Verlauf von Covid-19 spielt, zeigt sich auch daran, dass auch Personen mit zwei Allelen für Blutgruppe A ein höheres Risiko für eine schwere Covid-19-Erkrankung haben. Denn diese Blutgruppenvariante führt bekanntermassen per se und damit ohne virale Infektion zu einer erhöhten Blutgerinnung.

Die neuen Erkenntnisse liefern auch eine gute Erklärung für die altbekannten Risikofaktoren einer schweren Covid-19-Erkrankung. «Bluthochdruck, Diabetes, Übergewicht, Rauchen oder Arteriosklerose sind alles Leiden, bei denen die Gefässe nicht mehr voll anpassungsfähig und fit sind», betont Tzankov. Hier könne der Organismus die von Sars-CoV-2 ausgelösten Endothelschäden kaum abpuffern und das Virus daher grossen Schaden anrichten.

Kucher vermutet, dass bereits in den ersten Tagen einer Sars-CoV-2-Infektion die Störung der Blutgerinnung beginnt. Denn er hat zusammen mit Kollegen eines Mailänder Spitals festgestellt, dass bei über der Hälfte der Covid-19-Patienten mit Blutgerinnseln und Embolien diese innert der ersten 24 Stunden nach der Einweisung in die Klinik diagnostiziert wurden. Es könnte deshalb sein, dass eine Gabe von Blutverdünnern bereits zu Hause und gleich nach dem Auftreten der ersten Symptome einer Sars-CoV-2-Infektion hilfreich wäre, um einen schweren Verlauf von Covid-19 zu verhindern. Eine Therapie erst bei schwerer Erkrankung könnte dagegen zu spät sein, schliesslich sterben weltweit in den Spitälern viele Covid-19-Patienten trotz den dort verabreichten Blutverdünnern.

Wendtner empfiehlt deshalb eine frühzeitige Gabe von Blutverdünnern, das habe man kürzlich auch den niedergelassenen Ärzten so kommuniziert. Allerdings ist noch unklar, welche Dosis den Patienten den besten Schutz bringt und welche Dosis unverhältnismässig viele Blutungen hervorruft. Kucher plädiert deshalb gegen eine unkontrollierte Abgabe von Blutverdünnern bei ambulanten Covid-19-Patienten ohne zusätzliche Risikofaktoren. Der Arzt plant eine Studie, um die Effektivität und Sicherheit eines Blutverdünners bei über 50-jährigen Sars-CoV-2-Infizierten in häuslicher Quarantäne zu untersuchen.



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