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Die Lufthansa wird teilverstaatlicht und erhält vom Bund 9 Milliarden Euro


Nach wochenlangen schwierigen Verhandlungen steht das Rettungspaket für die wegen der Corona-Krise in Turbulenzen geratene Deutsche Lufthansa. Der komplizierte Deal enthält eine potenzielle Sperrminorität für den Bund. Brüssel hat dem Plan noch nicht zugestimmt.

Die Lufthansa soll endlich die schon lange angekündigte Staatshilfe erhalten.

Die Lufthansa soll endlich die schon lange angekündigte Staatshilfe erhalten. 

Boris Roessler / AP

Das Überleben des Lufthansa-Konzerns ist für die kommenden Jahre gesichert. Die deutsche Bundesregierung und das Management des Unternehmens haben sich nach wochenlangen zähen Verhandlungen auf ein Rettungspaket geeinigt. Danach erhält die Swiss-Muttergesellschaft Stabilisierungsmassnahmen und Kredite über 9 Milliarden Euro. Über diese Summe wurde schon seit Wochen spekuliert. Im Einzelnen bezieht die Lufthansa eine stille Einlage über 5,7 Milliarden Euro sowie von der staatseigenen Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) eine syndizierte Kreditfazilität über 3 Milliarden Euro; private Banken beteiligen sich daran mit 600 Millionen Euro. Der deutsche Staat ist somit 23 Jahre nach der vollständigen Privatisierung im Jahr 1997 wieder mit 20 Prozent am Unternehmen beteiligt. An der Börse war die Lufthansa am Freitag noch 3,8 Milliarden Euro wert.

Zinssatz zwischen 4 Prozent und 9,5 Prozent

Die Transaktion ist kompliziert. Der in der Corona-Krise von der Bundesregierung geschaffene Wirtschaftsstabilisierungsfonds (WSF) erwirbt erstens eine stille Beteiligung über 4,7 Milliarden Euro, die als Eigenkapital anerkannt werden kann und zweitens im Zuge einer Kapitalerhöhung einen Aktienanteil mit beschränktem Stimmrecht über 300 Millionen Euro in Höhe von 20 Prozent. Dazu kommt drittens eine weitere stille Beteiligung über rund eine Milliarde Euro, die unter bestimmten Bedingungen, nämlich bei einer drohenden feindlichen Übernahme oder der Nichtzahlung der vereinbarten Verzinsung, in Aktien des Unternehmens gewandelt werden kann. Mit Letzterem käme der Bund dann auf eine Sperrminorität von 25 Prozent plus eine Aktie. Die Vergütung der stillen Einlage beträgt in 2020 und 2021 vier Prozent und steigt dann bis 9,5 Prozent im Jahr 2027.

Die Lufthansa-Gruppe im Geschäftsjahr 2019

Umsatz und Gewinn in Mio. €, Marge in Prozent

Umsatz Gewinn

Network
Airlines
23 106 1805
– Deutsche Lufthansa 16 119 1225
– Swiss Int. Airlines 5 144 558
– Austrian Airlines 2 108 19
Eurowings

4 123 –166
Logistik 2 478 1
Technik 6 921 493
Catering 3 360 128

Die EU und die Aktionäre müssen erst zustimmen

Zudem sollen zwei Sitze im Aufsichtsrat in Abstimmung mit der Bundesregierung von zwei Experten besetzt werden, wovon einer dieser Aufsichtsräte zugleich Mitglied im Prüfungsausschuss werden soll. Die Bedingungen für die Staatshilfe sind der vorläufige Verzicht auf Dividendenzahlungen und Beschränkungen bei der Managementvergütung. Ferner verpflichtet sich das Unternehmen zur Verfolgung von Nachhaltigkeitszielen einschliesslich einer Erneuerung der Flotte. Das Management des WSF und der Lufthansa sind sich über den Deal einig, er Bedarf jedoch noch der finalen Zustimmung des Vorstandes und des Aufsichtsrates des Konzerns. Über die Kapitalerhöhung muss zudem noch eine ausserordentliche Hauptversammlung entscheiden, und das Paket bedarf schliesslich noch des Plazet der EU-Kommission in Brüssel.

Eidgenossenschaft garantiert 85 Prozent eines Kredits 

Die Lufthansa hatte im April noch eine Liquidität von 4,4 Milliarden Euro aufgewiesen. Allerdings sollen davon 1,8 Milliarden Euro den Kunden für bisher nicht erstattete Tickets ausgefallener Flüge gehören. Der Konzern hatte bestehende bilaterale Kreditlinien gezogen und konnte kurzfristig weitere Darlehen abschliessen. Konzernchef Spohr hatte jedoch schon vor Wochen gesagt, das Unternehmen verliere pro Stunde etwa eine Million Euro von der Liquiditätsreserve, in der Woche also rund 170 Millionen und im Monat über 700 Millionen Euro.

Das Management des Lufthansa-Konzerns verhandelt seit Wochen mit den Regierungen der Heimatländer der Gruppe, zu der auch die Schweizer Swiss International Air Lines, die österreichische Austrian Airlines und die belgische Brussels Airlines gehören. In der Schweiz hatte der Bundesrat bereits Ende April der Swiss sowie der anderen Lufthansa-Tochter Edelweiss Air über ein Bankenkonsortium unter gewissen Bedingungen einen fünfjährigen Kredit im Umfang von 1,5 Milliarden Franken (1,42 Milliarden Euro) zugesichert. Knapp 1,3 Milliarden Franken garantiert die Eidgenossenschaft, was 85 Prozent der gesprochenen Summe entspricht. Dafür erhält sie das gesamte Aktienkapital der Swiss als Garantie, sollte das Unternehmen die Kredite nicht zurückzahlen können. Mit den Regierungsvertretern in Wien und Brüssel steht eine Einigung über etwaige Hilfen noch aus.

Für Fluggesellschaften wie die Lufthansa ist die Coronavirus-Krise ein tiefer Einschnitt, der sich sogar zu einer Zeitenwende entwickeln kann. Die Luftfahrt wird für viele Jahre anders aussehen als vor der Ausbreitung des Sars-Cov-2-Virus, denn das Geschäft mit Business- und Urlaubsflügen wird erheblich schrumpfen. Das Management der Kranich-Linie rechnet damit, dass sich der Markt nur sehr langsam und auf absehbare Zeit nicht vollständig erholen wird. Der Flughafenbetreiber Fraport, zu dem mit dem Frankfurter Flughafen auch der Heimathafen der Lufthansa gehört, prognostizierte jüngst eine Rückkehr des Passagieraufkommens zum Vorkrisenniveau erst für das Jahr 2024.

Flugplan auf dem Niveau von 1955

Vor der Verbreitung des Virus, das die lebensbedrohliche Lungenkrankheit Covid 19 auslöst, war Lufthansa ein gesunder und gut gemanagter Konzern. Im Jahr 2019 wurde bei einem konsolidierten Umsatz von 36,4 Milliarden Euro ein Betriebsgewinn von 2 Milliarden Euro erwirtschaftet. Im März war das Geschäft aufgrund der weltweisen Reisewarnungen und Einreisesperren allerdings zunehmend zum Erliegen gekommen. Über 90% der Maschinen blieben am Boden und der Flugplan der Lufthansa glich jenem des Jahres 1955.

Die Lufthansa-Gruppe hatte daraufhin Mitte April mitgeteilt, dass sie den Vorkrisen-Personalbestand von über 130 000 Mitarbeitern um 10 000 Personen und die Flotte von gut 760 Flugzeugen um 100 Maschinen reduzieren will. Inzwischen hofft die Branche, dass zumindest die Reisesaison in Europa nicht ganz ins Wasser fällt und sich auch das Business mit Geschäftsreisen langsam belebt, wofür es jeweils erste zaghafte Anzeichen gibt.

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