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Herzchirurg am Universitätsspital Zürich unter Druck


Ein externer Untersuchungsbericht des Universitätsspitals Zürich bestätigt schwere Vorwürfe gegen den Klinikdirektor der Herzchirurgie. Politiker fordern eine lückenlose Aufklärung.

Ein Untersuchungsbericht, wirft dem Klinikdirektor für Herzchirurgie am Universitätsspital Zürich unter anderem eine «Verletzung der wissenschaftlichen Integrität» vor.

Ein Untersuchungsbericht, wirft dem Klinikdirektor für Herzchirurgie am Universitätsspital Zürich unter anderem eine «Verletzung der wissenschaftlichen Integrität» vor.

Christoph Ruckstuhl / NZZ

Es sind schwere Vorwürfe, mit denen ein Whistleblower im Dezember 2019 das Zürcher Universitätsspital (USZ) konfrontierte. Francesco Maisano, der Klinikdirektor der Herzchirurgie, sei an verschiedenen Firmen beteiligt, mit denen er gemeinsam Implantate entwickelt habe. Um sich persönlich zu bereichern und seine eigene Entwicklung zu testen, soll er diese Implantate Patienten auch dann eingesetzt haben, wenn dies nicht deren gesundheitlichem Interesse entsprochen habe. Um das Einverständnis der Patienten zu erhalten, habe er den Einsatz der neuartigen Implantate als letzte Option dargestellt.

Zudem habe er nach den Eingriffen die Operationsergebnisse beschönigt und negative Folgen aktiv unterdrückt. Die geschönten Ergebnisse seien dann auch in Maisanos wissenschaftliche Publikationen eingeflossen. Und schliesslich habe der Herzchirurg seine Interessenkonflikte nicht deklariert, weder gegenüber den Patienten noch gegenüber den Bewilligungsbehörden.

Francesco Maisano.

Um die Vorwürfe zu untersuchen, hat das Universitätsspital die Anwaltskanzlei Walder Wyss beauftragt. Der «Tages-Anzeiger» hat bereits am Mittwoch über den Fall berichtet. Am Freitag hat das Universitätsspital nun den externen Untersuchungsbericht veröffentlicht, der dem Spital seit Ende April vorliegt. Dieser entlastet Maisano zwar in verschiedenen schwerwiegenden Punkten, zeigt aber gleichwohl auch auf, dass sich der Chirurg gravierende Verfehlungen zuschulden kommen liess. Die zentralen Erkenntnisse hier im Überblick:

  • Verstoss gegen Patientenwohl: Die Anwaltskanzlei hat «keine konkreten Hinweise darauf, dass Prof. Maisano bestimmte Devices aus Eigeninteressen einsetzte, obschon dies nicht im Interesse der Patienten gewesen wäre», heisst es im Bericht. Die fraglichen Implantate seien insgesamt sehr selten verwendet worden, von einem übermässigen Einsatz könne nicht die Rede sein. Zudem seien in sämtlichen Fällen die erforderlichen Bewilligungen durch die zuständige Behörde (Swissmedic) erteilt worden. Überdies gebe es «keine belastbaren Anhaltspunkte dafür, dass die Eingriffe aus medizinischer Sicht generell nicht indiziert gewesen wären». Auch hätten die betroffenen Patienten vor dem Eingriff eingewilligt. Maisano habe zudem glaubwürdig dargelegt, dass er sich in anderen Fällen im Patienteninteresse gegen die Wünsche der Herstellerfirmen entschieden und durchgesetzt habe.
  • Irreführung der Patienten: Den Vorwurf, dass den Patienten der Einsatz der neuartigen Implantate zu Unrecht als letzte verfügbare Behandlungsmöglichkeit dargestellt wurde, konnten die externen Prüfer nicht bestätigen. Vielmehr handle es sich in den untersuchten Fällen um Patienten, bei denen konventionelle Behandlungsmethoden bereits ausgeschlossen bzw. zu risikoreich gewesen seien. Hingegen fänden sich in den Bewilligungsgesuchen an die Heilmittelbehörde Swissmedic «unrichtige, mindestens aber irreführende» Angaben. So beschrieb Maisano ein konkretes Produkt als «bereits erprobte alternative, interventionelle Therapie-Option mit geringerem Risiko», obschon er das Produkt im Fall des erwähnten Gesuchs erstmals einsetzen wollte.
  • Offenlegung von Interessenkonflikten: Die Prüfer kommen zum Schluss, dass die Offenlegung und Information über Interessenbindungen ungenügend war. So habe Maisano Patienten zwar darüber informiert, dass er an der Entwicklung der Implantate beteiligt gewesen sei. Doch über die finanziellen Interessen im Zusammenhang mit seiner Beteiligung an den Herstellerfirmen habe er die Patienten «zugestandenermassen nicht aufgeklärt». Weder spitalintern noch in sonstigen Regularien würde jedoch ausdrücklich verlangt, solche Eigeninteressen den Patienten vorab offenzulegen. «Insofern kann Prof. Maisano keine Verletzung einer konkreten Bestimmung vorgeworfen werden.» Die Anwaltskanzlei empfiehlt dem USZ, die Einführung entsprechender Offenlegungspflichten gegenüber Patienten zu prüfen.
  • Beschönigte Berichte: Eine der schwersten Verfehlungen, die Maisano im Bericht nachgewiesen werden, betrifft seinen Umgang mit den Resultaten seiner Eingriffe. «In diversen Publikationen bzw. Kurzartikeln von Prof. Maisano zu den von ihm entwickelten Devices wurden negative Aspekte der betroffenen Devices unterschlagen und Ergebnisse beschönigt wiedergeben», schreiben die Prüfer in ihrem Bericht. Es bestehe dabei der Verdacht, dass dies nicht aus Nachlässigkeit geschehen sei, sondern eine «bewusst beschönigende» Darstellung erfolgt sei. Die Beispiele, welche im Bericht angeführt werden, sind drastisch. So musste ein Patient während des Eingriffs wiederbelebt werden, was weder im Operationsbericht noch in einem wissenschaftlichen Artikel erwähnt wurde. Im Artikel stellte Maisano die Operation als erfolgreich dar, der zuweisende Arzt beschrieb den Erfolg hingegen als mässig und enttäuschend. Tatsächlich musste die eingesetzte Herzklappe dann nach einem Jahr ausgewechselt werden. In einem anderen Fall brach bei einem Implantat ein Draht ab und musste ersetzt werden. Von diesem Problem war in einem wissenschaftlichen Artikel Maisanos dann aber keine Rede. Wie der «Tages-Anzeiger» zudem schreibt, wurde der Eingriff auch in einer Medienmitteilung des Universitätsspitals als Erfolg verkauft. Mit dem Einsatz stärke das Universitäre Herzzentrum seinen «Ruf als Pionier in der Herzklappen-Medizin», hiess es darin. Im Bericht werden weitere Beispiele angeführt. Das Fazit der Prüfer: «Insgesamt liegt wohl eine Verletzung der wissenschaftlichen Integrität und damit auch eine Verletzung des Reglements zum Umgang mit wissenschaftlichem Fehlverhalten in der Forschung am Menschen des Spitalrats vor.»
  • Weitere wichtige Punkte: Kritisiert wird im Untersuchungsbericht auch, dass die Patientenakten bei gewissen Patienten lückenhaft seien und es an der Konsistenz der Datenablage fehle. Das Spital selbst wird zudem dafür kritisiert, dass intern Unklarheit über die geltenden Compliance-Vorschriften zu bestehen scheint und Unwissen darüber, wo die geltenden Vorschriften eingesehen werden können.

Wie das Universitätsspital in einer Medienmitteilung schreibt, anerkennt die Spitaldirektion umfassenden Handlungsbedarf. Massnahmen seien bereits eingeleitet worden. «Die Klinik ist verpflichtet, die festgestellten Mängel umgehend zu beheben.» Sie werde mit einer Fachkraft verstärkt, damit die hohen Qualitätsanforderungen des USZ vollumfänglich erfüllt würden.

Die Spitaldirektion verlange grundsätzlich von sämtlichen Kliniken am USZ umfassende Transparenz. «Neu wird die Klinik deshalb quartalsweise Bericht erstatten, welche und wie viele neue Implantate verwendet werden. Dasselbe gilt im Wesentlichen für den sensiblen Bereich der Patientenaufklärung und ihre Dokumentierung», schreibt das Spital. Die Offenlegung von Interessenbindungen sei ein Grundsatz der Compliance am USZ. Nach den Vorwürfen an die Herzchirurgie bzw. den Erkenntnissen aus der Untersuchung würden in diesem Bereich die Kontrollmechanismen am USZ zusätzlich verstärkt.

Kantonsrätin Esther Guyer (gp.) reicht das nicht. «Es braucht jetzt eine lückenlose Aufklärung», sagt das Mitglied der parlamentarischen Aufsichtskommission für Bildung und Gesundheit. Als kantonales Spital wird das USZ vom Kantonsrat beaufsichtigt. Der Schaden sei angerichtet, sagt Guyer. «So etwas darf einfach nicht passieren, das ist ein riesiger Reputationsschaden für das Spital.» Man werde von der Gesundheitsdirektion nun einen entsprechenden Bericht einfordern.

Die Zürcher Gesundheitsdirektion liess gegenüber dem «Tages-Anzeiger» verlauten, dass ihr die festgestellten Mängel als gravierend erschienen. Man sei dabei, das Untersuchungsergebnis sorgfältig zu prüfen, «im Hinblick auf allfällig notwendige, weitere aufsichtsrechtliche Schritte».



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