fbpx

Herzchirurg Maisano: Universität Zürich prüft Sanktionen


Wegen frisierter Studienresultate ist der führende Herzchirurg des Zürcher Universitätsspitals in die Kritik geraten. Dem Professor drohen nun auch Sanktionen der Universität.

Gleich mehrere Klinikdirektoren des Zürcher Universitätsspitals stehen derzeit in der Kritik.

Gleich mehrere Klinikdirektoren des Zürcher Universitätsspitals stehen derzeit in der Kritik.

Walter Bieri / KEYSTONE

Francesco Maisano, der Direktor der Klinik für Herzchirurgie des Zürcher Universitätsspitals (USZ), steht seit Tagen wegen geschönter Studien und unterschlagener Interessenkonflikte im Kreuzfeuer der Kritik. Von der Universität Zürich droht ihm nun weiteres Ungemach, denn der Herzchirurg ist ebenfalls Professor an der Universität, und die Vorwürfe betreffen vor allem auch sein Wirken als Forscher: Wie geht die Universität mit den offenbar frisierten Publikationen ihres Ordinarius um?

Wie ein am Freitag veröffentlichter Bericht der Anwaltskanzlei Walder Wyss zeigte, soll Maisano Publikationen zum Einsatz neuartiger Implantate frisiert und gegenüber Swissmedic, der Bewilligungsstelle für seine Studien, «unrichtige, mindestens aber irreführende Angaben gemacht haben». 

Zum Beispiel wurde in Fachartikeln und im Operationsbericht verschwiegen, dass ein Patient während der Operation wiederbelebt werden musste. Walder Wyss schreibt, dass wohl eine Verletzung der wissenschaftlichen Integrität vorliege. Die USZ-Direktion hat bereits «Handlungsbedarf erkannt», wie sie am Freitag mitteilte. Sie will aber an Maisano festhalten.

Weitere Ermittlung droht

Eine Sprecherin der Universität Zürich schreibt, über die Vorwürfe gegen Francesco Maisano sei die UZH Ende Januar informiert worden, den Walder-Wyss-Bericht habe man am Mittwoch erhalten. Die Universität werde am Dienstag darüber bestimmen, wie die wissenschaftliche Integrität von Professor Maisano nochmals vertieft überprüft werden solle. «Für ein entsprechendes Gutachten würden externe Expertinnen und Experten eingesetzt», heisst es weiter. «Mögliche Sanktionsschritte oder arbeitsrechtliche Massnahmen gegenüber Francesco Maisano hängen von diesem Gutachten ab.»

Diese Sanktionen können je nach Schwere des Fehlverhaltens weit reichen. «Personalrechtliche Sanktionen richten sich nach den Vorgaben des Personalrechts des Kantons Zürich und der Personalverordnung der UZH», führt die Sprecherin weiter aus. «Die mögliche Spannbreite reicht von einem Verweis bis zur fristlosen Entlassung.»

Einen Verdacht auf wissenschaftliches Fehlverhalten ihrer Forscher untersuchen die Universitäten selber; letztlich steht auch ihre eigene Reputation auf dem Spiel. Die Akademien der Wissenschaften Schweiz haben zum Vorgehen einen detaillierten Leitfaden verfasst, an welchem sich die Universitäten orientieren.

Die Universität Zürich geht gemäss einer eigenen Weisung wie folgt vor: Die Universitätsleitung entscheidet darüber, ob wegen Verdachts auf wissenschaftliches Fehlverhalten ermittelt werden soll. Sie beauftragt damit eine Vertrauensperson, welche die betroffene Fakultät für solche Abklärungen selbst aus ihrer Mitte gewählt hat. In schwierigen Fällen unterstützen eine Untersuchungskommission oder externe Gutachter diese Person. Sie klärt ab, hört die Betroffenen an und entscheidet, ob ein Fehlverhalten vorliegt. Die Universitätsleitung befindet dann über die erwähnten Massnahmen.

Wichtig ist: Diese universitätsinterne Untersuchung läuft unabhängig von allfälligen juristischen Ermittlungen ab und ist nicht per se öffentlich. Ihren Befund muss die Universität allerdings veröffentlichen, wenn sie bereits die Eröffnung des Verfahrens kommuniziert hat. Beim «Fall Herzchirurgie», über den seit Tagen öffentlich diskutiert wird, dürfte es so oder so schwer sein, den Befund in einer Schublade zu verstecken. Der Geist ist ja bereits aus der Flasche, die Vorwürfe liegen auf dem Tisch. 

Weitere Fälle beschäftigen das Spital

Das Zürcher Universitätsspital sieht sich derzeit aber nicht nur mit den Querelen um Francesco Maisano konfrontiert. Recherchen der «NZZ am Sonntag» haben auch Unstimmigkeiten in zwei weiteren Kliniken des Spitals zutage gebracht.

So habe sich Martin Rücker, Direktor der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, systematisch Patienten in seine Privatpraxis überweisen lassen, um sie dort auf eigene Rechnung zu behandeln. Zwar dürfen Kaderärzte Patienten auf private Rechnung behandeln, aber nur, wenn ihnen diese persönlich von anderen Ärzten zugewiesen werden, zum Beispiel von einem privaten Zahnarzt. Nicht gestattet sind Privatbehandlungen von Patienten, die allgemein an eine USZ-Klinik überwiesen werden.

Rücker nutzt eventuell aber ein Schlupfloch, denn seine Klinik ist am Zentrum für Zahnmedizin angesiedelt, das wiederum zur Universität Zürich und nicht zum Universitätsspital gehört. Ob dies rechtlich wasserdicht sei, scheine unklar, schreibt die Zeitung. Die Finanzkontrolle des Kantons Zürich habe den Fall letzten Sommer jedenfalls untersucht, das Resultat ist jedoch nicht bekannt. Die Uni will nun aber die bestehenden Regelungen überarbeiten, konkretisieren und deren konsequente Einhaltung sicherstellen, während das USZ die gesamte Situation analysieren will, wie das Spital gegenüber der «NZZ am Sonntag» verlauten liess.

In die Kritik geraten ist auch Daniel Fink, der Direktor der Klinik für Gynäkologie am Universitätsspital Zürich. Laut den Recherchen der «NZZ am Sonntag» hat sich Fink über Jahre und in grosser Zahl für Operationen von Privatpatientinnen eintragen lassen, die er nicht oder nur teilweise selbst ausführte. Laut Operationsplänen hätten bis zu drei Eingriffe gleichzeitig stattgefunden, öfters habe Fink parallel auch noch Sprechstunden angesetzt. Fink habe dies mutmasslich getan, um Zusatzhonorare einzustreichen, welche die Ärzte für die Behandlung von Privatversicherten erhalten.

Die Spitaldirektion ordnete in der Folge eine Untersuchung durch externe Experten an und beurlaubte Fink. Laut dem Branchenportal «Medinside» haben zudem diverse Versicherungen Ermittlungen wegen des Verdachts auf Versicherungsmissbrauch aufgenommen. Fink selbst bestritt gegenüber der «NZZ am Sonntag» Bereicherungsabsichten, er führe bei allen Eingriffen die entscheidenden Operationsschritte selbst aus und wechsle bei gleichzeitig stattfindenden Operationen zwischen den Sälen hin und her.

Kantonsräte sprechen von «Systemversagen»

Die Negativschlagzeilen lassen auch die Zürcher Politik nicht kalt. Als öffentlichrechtliche Anstalt des Kantons steht das Universitätsspital unter der Oberaufsicht des Kantonsrats. In der Parlamentssitzung vom Montag hat SP-Kantonsrat Markus Späth eine gemeinsame Fraktionserklärung von SP, GLP, Grünen und EVP verlesen, und die hatte es in sich.

Es handle sich nicht um Einzelfälle, sondern um Systemversagen, sagte Späth. «Alle drei Professoren verletzten Standesregeln, wissenschaftliche Prinzipien und sogar Gesetze. Sie tun es, um direkt oder indirekt ihre Einkünfte zu maximieren, um über ihre Spitzenhonorare hinaus finanziell zu profitieren.» Dies hätten sie zulasten der Öffentlichkeit, der Krankenkasse, der Steuer- und Prämienzahler getan.

Die vier Parteien sehen vor allem strukturelle Fehlanreize als die Wurzel des Übels. Gemeint war damit einerseits das Spitalgesetz mit seiner «einseitig marktwirtschaftlichen Ausrichtung», andererseits aber auch das Gesetz über die ärztlichen Zusatzhonorare. Diese Honorare erhalten Kaderärzte vornehmlich aus der Behandlung von Privatpatienten. Gemäss dem heutigen Gesetz bestimmen die jeweiligen Direktoren der einzelnen Kliniken über die Verteilung eines grossen Teils der Gelder. Dies empfand auch der Regierungsrat als stossend, weshalb er eine Revision einleitete. Die Vorlage scheiterte Ende 2017 jedoch am Widerstand der bürgerlichen Mehrheit im Kantonsrat.

Die vier Fraktionen haben am Montag nun gefordert, die Gesetzesrevision «sofort» wieder aufs Tapet zu bringen, «um solchen Auswüchsen einen Riegel zu schieben». Zudem solle das aufgedeckte Fehlverhalten gebührend geahndet und mit Sanktionen belegt werden. Die Aufsichtskommission für Bildung und Gesundheit müsse derweil die aufgeflogenen Fälle mit höchster Priorität sichten, sie analysieren und dem Kantonsrat Abhilfemassnahmen und den dringendsten gesetzgeberischen Handlungsbedarf aufzeigen.

Bereits am Donnerstag steht in der Kommission ein Besuch der USZ-Spitze an. Dem Spital stehen ungemütliche Tage bevor.



Source link

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *