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Hubert von Goisern: “Wir sind oft Meister im Wegschauen”


Nicht erst seit gestern beweist Hubert von Goisern, dass der wahre Sound des Alpenraums fernab von Musikantenstadl und Volkstümelei liegt. Der weltoffene Gebirgsmensch aus dem Salzkammergut hat nie das gemacht, was von ihm erwartet wurde. Von den Anfängen als Alpenrocker mit dem “Hiatamadl” über seine Expeditionen nach Tibet und Afrika bis hin zur Linz-Europa-Tour auf einem umgebauten Lastschiff. Mit seiner systemkritischen Protesthymne “Brenna tuats guat” traf er in Zeiten von Finanzkrise und Gier den Nerv der Zeit. Der 67-Jährige kennt keinen Stillstand. Nun hat er seinen ersten Roman mit dem Titel “Flüchtig” geschrieben. Im Sommer erscheint sein neues Studioalbum “Zeiten&Zeichen”. Mit der “Wiener Zeitung” sprach er über sein Debüt als Schriftsteller und über die ersten Songs auf seinem Album.


Der Musiker Hubert von Goisern veröffentlicht - als Hubert Achleitner - seinen ersten Roman. - © Konrad Fensterer
Der Musiker Hubert von Goisern veröffentlicht – als Hubert Achleitner – seinen ersten Roman. – © Konrad Fensterer

“Wiener Zeitung”:Sie haben immer Neues gesucht und Tabus gebrochen. Wann hatten Sie die Idee, einen Roman zu schreiben?

Hubert von Goisern: Diesen Wunsch, mich an Belletristik zu versuchen, hegte ich schon früh. Dass es so lange gedauert hat, ist allein der Musik geschuldet. Schon vor 17 Jahren hatte ich die Idee für ein grobes Handlungsgerüst. Und ich wollte unbedingt von einer Frau schreiben, die aufbricht und alles hinter sich lässt. Das liest man ja eher selten.

Normalerweise heißt es, der Mann geht zum Zigarettenholen aus dem Haus und kommt nicht wieder. Warum war Ihnen die weibliche Perspektive von Anfang an so wichtig?

Ich hatte das Gefühl, dann nicht nur von mir zu schreiben, aus meiner männlichen Sicht. Das hätte mich total gelangweilt. Ich wollte nicht nur die männlichen Anteile in den Vordergrund rücken.

Sie schicken Ihre Hauptfigur Eva, Maria, Magdalena auf eine abenteuerliche Reise, die sie von den österreichischen Bergen quer durch Europa bis nach Griechenland führt. Stand die Route schon fest?

Nein, das hat sich im Lauf des Schreibens so ergeben. Und ich habe tatsächlich das Gefühl erlebt, von dem viele Schriftsteller sprechen: Nämlich, dass sich die Figuren verselbständigen, mich führen, statt umgekehrt. Das war oft eine große Herausforderung. Und ein Aufbruch, wie ihn meine Hauptfigur vollzieht, hat ja etwas ganz Offenes: Man lässt sich treiben, hat nicht den Zeitdruck, kann sich auf das Abenteuer Leben voll einlassen. Darum nimmt sie am Anfang gleich diese junge Tramperin mit. Ziel war und ist für mich dabei immer, sich selbst neu zu finden und zu erfinden. Es geht um das Reisen, vor allem zu sich selbst.

Ein Großteil des Romans spielt auf der griechischen Halbinsel Chalkidiki. Was verbinden Sie mit Griechenland?

Ich bin ein absoluter Griechenlandfan. Ich habe Freunde dort und war früher sehr oft in dieser Gegend. Auch wenn ich sagen muss, dass es heute nicht mehr mein absoluter “Sehnsuchtsort” ist. Inzwischen reise ich gern in den Norden, liebe fast menschenleere Weiten wie in Grönland. Diese größte Insel der Erde war das Faszinierendste an Landschaft, das ich bis jetzt erlebt habe.

Maria landet auf dem heiligen Berg Athos und bricht damit ein Tabu. Denn die orthodoxe Mönchsrepublik dort ist eine Welt ohne Frauen. Waren Sie selbst schon dort?

Ja, sogar einige Male. Nur wer eine Einreisegenehmigung besitzt, das sogenannte Diamonitron, kommt rein. Alle Klöster sind zur Gastfreundschaft verpflichtet. Sie nehmen Pilger wie Neugierige kostenlos für bis zu drei Nächte auf. Dann muss man die halbautonome Republik wieder verlassen. Der Höhepunkt eines Athos-Besuchs ist morgens um vier Uhr. Dann geht ein Mönch mit Holzstöcken durch die Klosteranlage und ruft mit einem rhythmischen Klopfen zum Frühgebet. Ich kenne auch die rund zweistündige Schiffspassage mit Ausblicken auf die schroffe Küste der Halbinsel und die Klöster, die im Buch vorkommt, aus eigener Erfahrung.

Der Name Ihrer Hauptfigur Eva, Maria, Magdalena vereint biblisch christliche Frauenbilder. Was bedeutet er Ihnen?

Ich bin nicht mehr katholisch und habe ein Problem mit den monotheistischen Religionen, weil die alle zu einem Gottvater, zu einem Herrn beten. Wenn das über Generationen passiert, dann dominiert das Männliche. Deshalb beziehe ich mich auf diese weiblich religiösen Geschichten. Ich glaube an Gott, aber ganz sicher nicht an die Amtskirche. Ich bin ein spiritueller Mensch.

Wie fühlt sich so ein Debüt als Schriftsteller für jemanden an, der schon einen so langen und künstlerisch sehr erfolgreichen Weg gegangen ist wie Sie?

Es tut immer gut, wenn einem etwas gelingt, das man sich vorgenommen hat. Schon vor zehn Jahren ist mein erstes Buch “Stromlinien” erschienen, das Logbuch meiner Reise mit einem zur Bühne umgebauten Frachtkahn quer durch Europa. Während ich das schrieb, habe ich oft damit gehadert, immer bei den Tatsachen bleiben zu müssen. Das ist ja ein Sachbuch. Da musste ich sehr vorsichtig umgehen mit dem, was ich schreibe. Denn das betrifft schließlich konkrete Personen. Danach habe ich mir gedacht, mein nächstes Buch wird Fiktion. Das wäre viel einfacher, habe ich mir zumindest vorgestellt. Lustvoller war sie aber auf jeden Fall.

Südafrika, Philippinen, Nepal, Senegal, Grönland – Sie sind viel herumgekommen in der Welt. Würden Sie Reisen als Ihr Lebensthema bezeichnen?

Früher war es das bestimmt. Doch das hat sich inzwischen geändert. Es gibt nicht mehr so viele Länder, die ich unbedingt sehen muss. Jetzt geht es mir eher so, dass ich die Schönheiten vor meiner Haustür entdecken will, dort, wo ich aufgewachsen bin, wie etwa das Salzkammergut. Und selbst als während der Corona-Krise die Grenzen dichtgemacht werden mussten, hat mich das nicht belastet. Eher zu wissen, dass meine Tochter Laura in London lebt und dort mit der Pandemie anfangs total sorglos umgegangen wurde. Manchmal ist es mir schon so gegangen, dass ich meine Kinder von Reisen abhalten wollte, weil ich es zu als zu gefährlich fand. Aber da muss ich mich an die eigene Nase fassen, weil ich ja selber überall auf der Welt unterwegs war und vor nichts Angst hatte. Ich bin ein neugieriger Mensch und ich setze mich gerne dem Unbekannten aus. Diesen Gefühlszustand mag ich.

Welche Definition von Heimat haben Sie für sich gefunden?

Heimat ist für mich auch da, wo ich mich einfühle und einbringe. Das sind jene Orte und Menschen, wo ich beim Abschied nehmen und Wegfahren Wehmut spüre. In der Zwischenzeit habe ich viele Orte, an denen ich mich daheim fühle, Salzburg, Wien. Aber auch, wenn ich nach Grönland oder auf die Philippinen komme, ist es ein Nach-Hause-kommen. Heimat bedeutet in erster Linie Vertrautheit. Ich war jetzt schon etliche Male in Grönland und habe dort einige Freunde gewonnen. Das ist dann auch ein Heimkommen. Aber am stärksten ist das Gefühl trotzdem im Salzkammergut.

Auf Ihrem neuen Studioalbum “Zeiten&Zeichen” widmen Sie dem Operettenkönig Franz Lehár, dessen 150. Geburtstag sich kürzlich jährte, einen Song. War das Jubiläum für Sie der Anlass, sich im Lied “Freunde” mit seinen braunen Flecken zu beschäftigen?

Nein, ich bin mit der Operettenmusik von Franz Lehár aufgewachsen. Ich liebe und bewundere seine Musik. Eigentlich wollte ich aus seiner letzten Operette “Giuditta” den Klassiker “Freunde, das Leben ist lebenswert” neu interpretieren. Dabei hat mich der Tenor Andreas Schager darauf aufmerksam gemacht, dass das Libretto von Fritz Löhner-Beda, einem jüdischen Musiker, stammt. Er war ein enger Freund von Lehár und schrieb mit ihm zahlreiche seiner Operetten wie “Das Land des Lächelns”. Nachdem ich mich näher mit ihm befasst habe, stellte ich fest, dass er 1942 in Auschwitz ermordet wurde. Er hoffte vergebens auf eine Fürsprache von Lehár, der zu Hitlers Lieblingskomponisten zählte. Durch seine enge Verbindung zu den Nazis wollte Lehár wahrscheinlich auch seine jüdische Frau Sophie schützen. Es gibt den Mitschnitt eines Radiointerviews, das ein Salzburger Sender mit ihm nach Kriegsende führte. Darin verliert Lehár stockend und schluchzend die Fassung, als er von seinen zahlreichen jüdischen Kollegen sprechen will. Doch beharrt er darauf, stets nur ein unpolitischer Künstler gewesen zu sein und von nichts gewusst zu haben. Nachdem ich das alles erfahren habe, habe ich das ganze Arrangement geändert.

Ihr Stück erinnert an den Spoken-Word-Sprechgesang, der frühen Rap-Poeten wie Linton Kwesi Johnson, geprägt von sozialen und politischen Inhalten. Sie plädieren darin aber auch um Verständnis für Lehárs Verhalten.

Ja, denn wer weiß schon, wie er sich in der Situation verhalten hätte. Oft sind wir Meister im Wegschauen und Verdrängen. Denn wer ist schon ohne Schwächen?

In eine völlig andere Richtung geht Ihr Song “Eiweiß” über einen Eisbären, der so gern Veganer wäre. Wie sind Sie denn an den geraten?

Na ja, ich war ja schließlich auch in Grönland (lacht). Aber nein, es geht mir dabei um Leute, die inzwischen schon ihre Hunde zu Veganern erziehen wollen. Die brauchen einfach etwas blutige Proteine, das hat die Natur schon so eingerichtet. Das ist absolut unsinnig, wenn der Mensch versucht, ihnen das abzutrainieren.



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