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In der Fussball-Bundesliga sind Heimspiele kein Vorteil


In nur drei von achtzehn Bundesliga-Matches konnten sich die Platzteams durchsetzen. Kampfstarke Teams sind ohne Publikum im Nachteil, die grössere Klasse setzt sich nahezu immer durch.

Pappkartons statt Zuschauer in Mönchengladbach.

Pappkartons statt Zuschauer in Mönchengladbach.

Ina Fassbender / AP

In der Tabelle trennen den FC Schalke 04 und den FC Augsburg vier Ränge. Noch ist Schalke Achter, Augsburg Zwölfter. Am Sonntagnachmittag trafen beide Teams aufeinander, in der Arena AufSchalke in Gelsenkirchen. Schalke kollabierte, verlor 0:3, knüpfte im negativen Sinne an das 0:4 aus der Vorwoche gegen Borussia Dortmund an. Noch ärger als Schalke erging es am Sonntag Mainz 05. Die Equipe erlebte im Mainzer Stadion am Bruchweg beim 0:5 gegen den RB Leipzig einen regelrechten Zusammenbruch.

Die Demütigungen geschahen jeweils vor leeren Rängen, so wie allerorts in diesen Tagen, wenn Bundesliga-Fussball gespielt wird. Am Wochenende wurde die zweite Runde sogenannter Geisterspiele ohne besondere Vorkommnisse absolviert. Doch der Auftritt der Schalker und der Mainzer steht für eine Tendenz, die sich in den ersten beiden Durchgängen der Fortsetzung abzeichnet, und diese führt zu der Frage: Was ist es überhaupt noch wert, vor heimischer Kulisse anzutreten, wenn die Zuschauer dazu verdonnert sind, zu Hause zu bleiben?

Fünf Auswärtssiege

Die Zahlen sind eindrücklich: Nur zwei Heimsiege gab es am zweiten Spieltag zu verzeichnen, fünf Mal gewannen die Auswärtsteams, hinzu kommen zwei Unentschieden. Nimmt man die Begegnung aus der Vorwoche hinzu, dann ergibt sich ein klares Bild: Da gab es lediglich einen Heimsieg – eben denjenigen der Dortmunder Borussia, die den Schalkern mit spielerischer Leichtigkeit ihre Grenzen aufzeigte.

Bloss ein Sechstel der Heimspiele, drei von achtzehn, wurden also gewonnen. Ganz anders war es in den letzten Jahren: Im Schnitt gingen die Platzteams in zwei von vier Matches siegreich vom Feld, dies bei einem Remis und einer Niederlage. Nunmehr zeigt sich: Die spielstärksten Teams scheinen sich auswärts wie daheim durchzusetzen, zumindest aber unterliegt kaum ein Favorit vor leeren Rängen in der Fremde. Das klare 5:2 der Bayern in München gegen Eintracht Frankfurt wäre wohl auch vor dem Publikum in der Arena zu Fröttmaning nicht viel höher ausgefallen. Der 3:1-Sieg der Leverkusener in Mönchengladbach, wo sich annähend gleichwertige Teams gegenüberstanden, legte wiederum die Frage nahe, ob in Gegenwart des Publikums tatsächlich ein Penalty gegen das Heimteam gegeben worden wäre.

Es sind Präzedenzfälle, die es nun zu werten gilt. Und es gilt ebenso, jene Thesen der Sportwissenschafter zu überprüfen, die besagen, dass der Einfluss des Publikums gar nicht so gross sei. So erklärte Daniel Memmert von der Sporthochschule Köln im März gegenüber «Zeit online», dass es nicht der Heimvorteil sei, der überschätzt werde, sondern die Rolle des Publikums. Dabei bezog sich Memmert vor allem auf zwanzig Matches in Italien in der Saison 2006/07, die aus Sicherheitserwägungen ohne die Beteiligung der Anhänger ausgetragen werden mussten. Es sei «unerheblich, ob das Stadion leer oder voll war».

Für die Sportwissenschaft ist diese Situation demzufolge ein Glücksfall. Wann sonst lässt sich anhand einer solche Fülle von Spielen untersuchen, wie es wirklich um den Einfluss des Publikums bestellt ist? Zudem ermöglicht die Konstellation in der Bundesliga eine zusammenhängende und keine isolierte Beobachtung – anders als in Italien. Und schaut man sich die Spiele der letzten beiden Wochenenden an, dann wird schnell deutlich: Vor allem jene Teams, die mit hohem Aufwand spielen, die als kampfstark gelten, leiden unter der gegenwärtigen Situation.

Dabei geht es gar nicht einmal allein um den Umstand, dass das Team daheim antritt. Eine Mannschaft wie Schalke 04 konnte in der Vergangenheit häufig bemerkenswerte Ergebnisse im Revierderby auswärts gegen den BVB erzielen. In der letzten Saison verspielten die Dortmunder mit einer Niederlage gegen die Schalker die durchaus noch mögliche Meisterschaft im Westfalenstadion. In der Saison zuvor gelang den Schalkern sogar ein Auftritt für die Fussball-Geschichtsbücher: Ein 0:4 konnten sie noch in ein 4:4 verwandeln. Es war letztlich jener Match, der den Trainer Peter Bosz den Job kostete. Solche Ereignisse illustrieren: Auch ein äusserst feindlich gestimmtes Publikum kann bei einem Auswärtsteam grosse Energien freisetzen.

Ohne Nebengeräusche

Was aber geschehen kann, wenn ein solcher Faktor wegfällt, haben die letzten beiden Wochen gezeigt. In nahezu allen Fällen gewann das Team, das über die grössere Klasse verfügt. Und so dürften die ersten Bundesligarunden, die das Publikum bloss an den Bildschirmen verfolgen kann, fussballerisch eine Einmaligkeit sein: Erstmals überhaupt steht auf einem solchen Niveau ganz allein der Fussball und nicht seine Nebengeräusche im Fokus.



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