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Schweden in Europa nicht erwünscht


Zypern öffnet demnächst die Grenzen für Touristen aus Staaten, die das Coronavirus «unter Kontrolle haben». Die Schweden werden nicht dazugehören. Selbst in der nordischen Nachbarschaft zögert man, Schweden einreisen zu lassen. Stockholm fühlt sich diskriminiert.

Die schwedische Aussenministerin Ann Linde wirbt momentan dafür, dass schwedische Touristen in anderen Ländern Willkommen sind.

Die schwedische Aussenministerin Ann Linde wirbt momentan dafür, dass schwedische Touristen in anderen Ländern Willkommen sind.

Evgenia Novozhenina / Reuters

Die schwedische Aussenministerin Ann Linde hat derzeit alle Hände voll zu tun. Sie weibelt von Pontius zu Pilatus, um ihre Gesprächspartner davon zu überzeugen, dass schwedische Touristen an Stränden kein Gesundheitsrisiko für andere darstellten. Auf Zypern hat sie kein Gehör gefunden. Die Mittelmeerinsel will zwar im Juni die Grenzen sukzessive öffnen für den Sommertourismus, von dem sie wirtschaftlich stark abhängt. Dazu wurden laut dem schwedischen Fernsehen eine A-Liste und eine B-Liste von Staaten erstellt, die aus zypriotischer Sicht die Corona-Krise unter Kontrolle haben. Schweden aber ist weder auf der einen noch der anderen zu finden. Dass Zyperns Tourismusminister Savvas Perdios versicherte, «irgendwann» werde gewiss auch Schweden auf einer solchen Liste stehen, ist den Nordländern ein schwacher Trost.

Auf Distanz zu Schweden

Noch empfindlicher jedoch dürfte Schweden der Umstand treffen, dass auch die nordischen Nachbarn keine Eile bei der Öffnung des gegenseitigen touristischen Reiseverkehrs zeigen. In Dänemark gibt es politische Stimmen, die fordern, mit der Grenzöffnung zu Deutschland und Norwegen nicht länger bloss aus politischer Rücksichtnahme auf Stockholm zuzuwarten. In Finnland liess Innenministerin Maria Ohisalo durchblicken, dass eine gesamtnordische Reisezone «problematisch» sein könnte und dass man bei Grenzöffnungen möglicherweise von Land zu Land entscheiden werde, abhängig von der epidemiologischen Lage.

Auch für Frode Forland von der norwegischen Gesundheitsbehörde ist die Corona-Situation in Schweden ein Grund zur Beunruhigung. Tatsächlich entwickeln sich die Zahlen der Neuerkrankungen und Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19 in Schweden nach wie vor anders als in den übrigen nordischen Staaten. Ann Linde hingegen, die Stockholmer Aussenministerin, bezeichnete es als politischen Schritt, sollten die Nachbarn ihre Grenzen zu Schweden nicht parallel zum Reiseverkehr mit anderen Ländern öffnen. Aus gesundheitspolitischer Sicht gebe es keinen Grund für eine Verzögerung.

Die nach wie vor relativ stark ansteigende Zahl von Todesfällen in Schweden (4266 per 28. Mai beziehungsweise 423 pro Million Einwohner) hat in der innen- und gesundheitspolitischen Debatte des Landes Stimmen laut werden lassen, die nach einer Revision des relativ laxen «schwedischen Wegs» rufen. So meinte etwa Annika Linde, die direkte Amtsvorgängerin des derzeitigen Chefepidemiologen Anders Tegnell, rückblickend wäre wohl in der ersten Phase der Epidemie ein strikterer Kurs angebracht gewesen, um Zeit für die Formulierung einer stringenten Abwehrstrategie gerade mit Blick auf die am meisten gefährdeten Bevölkerungsgruppen zu gewinnen. Sie betonte dabei, dass sie die Marschrichtung Tegnells lange für richtig gehalten habe. Doch in der Zwischenzeit hätten diverse andere Länder gezeigt, dass sie es verstanden hätten, die Epidemie mindestens vorübergehend unter Kontrolle zu bringen.

Tegnell räumte ein, dass es nicht gelungen sei, die Älteren ausreichend zu schützen. Die nun bisweilen geäusserte Kritik wies er dennoch zurück. Wenn er jeweils zurückfrage, was genau mehr mit einem Lockdown hätte erreicht werden können, erhalte er keine konkreten Antworten.

War der Lockdown unnötig?

Interessanterweise geht die rückblickende Strategiedebatte in Norwegen und Dänemark, die beide in der Anfangsphase der Krise strenge Massnahmen verhängten und diese inzwischen wieder lockern, genau in die andere Richtung.

Die Chefin der norwegischen Gesundheitsbehörde, Camilla Stoltenberg, sagte gegenüber Medien, eine Analyse des Vorgehens habe ergeben, dass man die Verbreitung des neuartigen Coronavirus wohl auch mit einer weniger drastischen Beeinträchtigung von Wirtschaft und Gesellschaft unter Kontrolle gebracht hätte. Dies gelte es bei einer allfälligen zweiten Welle zu bedenken. Alle beteiligten Akteure seien willens, sanftere und flexiblere Instrumente zu entwickeln. Damit diese wirken könnten, sei jedoch das Engagement der ganzen Bevölkerung vonnöten. Und Norwegens Ministerpräsidentin Erna Solberg sagte in einem Interview, die Schliessung der Schulen sei möglicherweise nicht notwendig gewesen. Dennoch glaube sie, dass man richtig gehandelt habe. Auf der Basis der damals verfügbaren Informationen habe man eine vorsichtige Strategie gewählt.

Norwegens Ministerpräsidentin Erna Solberg meint, dass die Schliessung der Schulen möglicherweise nicht notwendig gewesen sei, aber man habe auf der Basis der damals verfügbaren Informationen eine vorsichtige Strategie gewählt.

Norwegens Ministerpräsidentin Erna Solberg meint, dass die Schliessung der Schulen möglicherweise nicht notwendig gewesen sei, aber man habe auf der Basis der damals verfügbaren Informationen eine vorsichtige Strategie gewählt.

Michele Tantussi / Reuters

In Dänemark wiederum sieht sich Ministerpräsidentin Mette Frederiksen der Kritik ausgesetzt, am 11. März bei der Ankündigung des Lockdowns durch ihre Wortwahl impliziert zu haben, die Einschränkung des öffentlichen Lebens geschehe auf Empfehlung der zuständigen staatlichen Fachbehörden. In Tat und Wahrheit hätten Exponenten der Verwaltung jedoch vor übermässig harten Schritten gewarnt. Ein politischer Kommentator meinte allerdings, er glaube nicht, dass diese Enthüllungen die Regierungschefin in grosse Bedrängnis bringen könnten. Denn rückblickend sei für die meisten klar, dass die Regierung insgesamt richtig gehandelt habe.

Auch in Schweden ist die Forderung nach einer politischen Aufarbeitung der Corona-Krise laut geworden. Während die Opposition eine unabhängige Kommission so bald wie möglich eingesetzt sehen will, lehnt die Regierung das Vorhaben zwar nicht ab, möchte es aber erst umsetzen, wenn die Krise überstanden ist.



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