fbpx

Spekulanten jonglieren jetzt mit Wirecard-Aktien


Die Aktien des deutschen Zahlungsdienstleisters Wirecard, der nach einem Bilanzskandal um sein Überleben kämpft, sind nun endgültig zum Spielball von Spekulanten geworden. Nach einem Verlust von fast 99 Prozent binnen sieben Handelstagen legten sie am Montag im Vergleich zum Schlusskurs vom vergangenen Freitag (1,28 Euro) um bis zu 216 Prozent auf ein Tageshoch von 4,05 Euro zu.

Auslöser der Rally war unter anderem die Mitteilung, dass das Wirecard-Management trotz Insolvenzantrags auf eine Fortführung des Geschäfts setzt. “Der Vorstand ist der Meinung, dass eine Fortführung im besten Interesse der Gläubiger ist”, teilte der in Aschheim bei München ansässige DAX-Konzern mit. Unter den Gläubigern sind auch die Raiffeisenlandesbanken Oberösterreich und Niederösterreich-Wien.



Als Zahlungsdienstleister ist Wirecard darauf spezialisiert, bargeldlose Geldflüsse zwischen Händlern auf der einen und Banken sowie Kreditkartenfirmen auf der anderen Seite abzuwickeln. Der Geschäftsbetrieb der Konzerngesellschaften inklusive der lizenzierten Einheiten werde aktuell jedenfalls fortgesetzt, hieß es. Daneben werde laufend geprüft, ob auch Insolvenzanträge für Tochterfirmen der Wirecard-Gruppe gestellt werden müssen. Der Vorstand hatte für die Wirecard AG vergangenen Donnerstag Insolvenz angemeldet.

Für Teile von Wirecard gibt es erste Interessenten

Wie das Unternehmen ferner betonte, sei die Wirecard Bank aktuell nicht Teil des Insolvenzverfahrens und der Zahlungsverkehr der Wirecard Bank nicht betroffen. Auszahlungen an Händler der Wirecard Bank würden weiter ohne Einschränkungen ausgeführt. Wie es weiter hieß, stehe man auch “im stetigen Austausch mit den Kreditkartenorganisationen”.

Unabhängig von diesen Entwicklungen zieht Wirecard erste Interessenten an. Laut einem Bericht der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung sind unter anderem Privatinvestoren und Private-Equity-Fonds daran interessiert, Teile des deutschen Konzerns zu übernehmen. Auch der französische Zahlungsabwickler Worldline soll ein Auge auf Wirecard geworfen haben.

Auslöser für den Insolvenzantrag war, wie berichtet, das Eingeständnis mutmaßlicher Luftbuchungen in Höhe von 1,9 Milliarden Euro. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY, die den Jahresabschluss 2019 geprüft hat, geht von Betrug in internationalem Maßstab aus. Die Münchner Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den aus Österreich stammenden Ex-Vorstandsvorsitzenden Markus Braun sowie weitere ehemalige und aktive Spitzenmanager. Das Münchner Amtsgericht hat inzwischen den Anwalt Michael Jaffé als vorläufigen Insolvenzverwalter eingesetzt, der nun zunächst die Überlebensfähigkeit des Unternehmens einschätzen muss.

Ex-Vorstand Marsalek bleibt weiter untergetaucht

Unterdessen wird sich Ex-Wirecard-Vorstand Jan Marsalek nun doch nicht der Justiz stellen, wie am Montag “Süddeutsche Zeitung”, NDR und WDR meldeten. Marsalek, ebenfalls Österreicher, hatte über seinen Anwalt in der vergangenen Woche zunächst erklären lassen, er werde nach München kommen, um sich dort vernehmen zu lassen. Dies soll jetzt demnach nicht stattfinden. Der per internationalem Haftbefehl gesuchte Manager hält sich möglicherweise in China auf. Der philippinische Justizminister Menardo Guevarra gab kürzlich bekannt, Marsalek sei vergangene Woche auf die Philippinen eingereist und habe das Land kurz darauf Richtung China wieder verlassen.

Die philippinische Anti-Geldwäsche-Behörde AMLC kündigte derweil an, im Fall Wirecard möglichst rasch für Aufklärung sorgen zu wollen. Man werde eine “schnelle und gründliche” Untersuchung starten, um weitere involvierte Gesellschaften und Personen zu finden, sagte Mel Georgie Racela vom AMLC am Montag. Genau ansehen werde sich die Behörde vor allem drei Partnerfirmen von Wirecard: Centurion Online Payment International, PayEasy Solutions und ConePay International. Von diesen Firmen war zu Wochenbeginn keine Stellungnahme zu erhalten.

“Bilanzpolizei” prüfte Wirecard mit nur einem Mitarbeiter

Die deutsche Regierung zieht nach dem Wirecard-Skandal erste Konsequenzen. Justiz- und Finanzministerium werden den Vertrag mit der Deutschen Prüfstelle für Rechnungslegung (DPR) kündigen. Aus ihrer Sicht hat der privatrechtlich organisierte Verein DPR, der im Staatsauftrag Bilanzen kontrolliert, im Fall von Wirecard versagt. Die Finanzaufsicht Bafin hatte die DPR nach eigener Darstellung bereits im Februar 2019 darauf hingewiesen, dass es Ungereimtheiten in der Halbjahresbilanz 2018 von Wirecard gebe. “Wir haben unmittelbar reagiert und Mitte Februar 2019 bei der DPR eine Bilanzprüfung veranlasst”, sagte eine Sprecherin. Die Bafin sei für die Bilanzprüfung nicht zuständig. Zuständig sei auf erster Stufe allein die DPR, dort habe die Prüfung so lange gedauert. Laut der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung” hat die auch als “Bilanzpolizei” bezeichnete DPR aber nur wenig Personal. Mit der komplexen Prüfung sei in den vergangenen 16 Monaten de facto nur ein einzelner Mitarbeiter betraut gewesen. 

Bafin-Chef Felix Hufeld, der nun um seinen Job kämpft, hat sich offenbar bei einer Sitzung des Verwaltungsrats der Finanzaufsicht gegen Vorwürfe der Schlamperei verteidigt. Er habe wegen der Rechtslage gar nicht bei der Wirecard-Bilanzprüfung eingreifen dürfen, sondern sich auf die DPR verlassen müssen, sagte Hufeld am Montag laut Teilnehmern der Sitzung. Auch sei nicht die Bafin, sondern die Europäische Zentralbank (EZB) dafür verantwortlich gewesen, dass Wirecard nicht als Finanz-Holding eingestuft wurde. Ohne diese Einstufung hatte die Finanzaufsicht vergleichsweise wenig Kontrollrechte über den Konzern. Die Bafin habe Wirecard ursprünglich als Finanz-Holding eingestuft, so Hufeld. “Dann hat Wirecard einige Umstrukturierungen vorgenommen. Daraufhin hat die EZB Wirecard als Technologie-Unternehmen eingestuft und nur die Tochter als Bank.”

FDP-Politiker Frank Schäffler brachte am Montag einen Untersuchungsausschuss des Bundestages ins Spiel, um den Bilanzskandal aufzuklären. (reu/dpa/kle)



Source link

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *